Die Chroniken des Winzertanzes

1925 | 1938 | 1948 | 1950 | 1954 | 1960 | 1965 | 1970 | 1974 | 1975 | 1980 | 1981 | 1982 | 1984 | 1990 | 1995 | 1997 | 2000| 2002 | 2003 | 2006 | 2009 | 2010 | 2011

1925

Der Niederstettener Buchdruckereibesitzer Richard Knenlein war im Jahre 1925 Gründer und Initiator des Winzertanzes. Gleichzeitig übernahm er die Leitung der Gruppe. Die Inspiration und Idee für den Tanz holte er sich mit großer Wahrscheinlichkeit vom Schäfertanz in Rothenburg ob der Tauber. Außerdem war es die Weingärtnergenossenschaft, die am Fränkisch-Hohenlohischen Bauern- und Weingärtnertag, der in Verbindung mit dem Herbstfest veranstaltet wurde, einen Programmpunkt als Beitrag beisteuerte. So wurde der erste Winzertanz mit 48 Burschen und Mädchen aus dem Weingärtnerstand uraufgeführt.

Die Blusen und Hemden der roten und grünen Trachten wurden damals in Eigenarbeit der Gruppe genäht. Der Stoff und die Mieder, Röcke, Westen und Hosen, wurden von einem jüdischen Mitbürger namens Wilhelm Bernheim gestiftet, der ein Spitzenwaren-Geschäft in St. Gallen, Schweiz besaß. Bis ins Jahr 2003 wurden teilweise noch Trachten aus der Gründungszeit getragen, was für eine hervorragende Qualität spricht. Außerdem trugen die Burschen lange, weiße Strümpfe, und für die Mädchen bestand "Zopfpflicht", das hieß, sie mußten ihre Haare beim Tanz als Zöpfe tragen. Es war selbstverständlich, daß alle Teilnehmer aus dem Weingärtnerstand kamen, was damals kein Problem war, weil ja jeder, vom Schultheißen bis zum Pfarrer, zumindest einen kleinen Weinberg bewirtschaftete.

Die ersten Anführer des Winzertanzes waren damals Karl Wollinger bei den roten und Wilhelm Schmitt bei den grünen Winzertänzern. Begleitet hat den Winzertanz die Kapelle Rummler aus Niederstetten. Das Musikstück ist ein Galopp, der Komponist ist unbekannt.

Die erste Aufführung brachte vor einer riesigen Zuschauermenge einen großen Erfolg. Alle waren begeistert von dem Tanz der 24 Paare. Der Tanz wurde danach zu einem festen Bestandteil des jährlichen Herbstfestes und ist nicht mehr wegzudenken. Noch heute werden unverändert die gleichen Figuren getanzt. Deshalb kann man mit Fug und Recht von Tradition sprechen.

1938

Der letzte Winzertanz vor dem Krieg wurde 1938 aufgeführt. Durch Kriegsdienste waren bis 1947 keine Aufführungen mehr möglich.

1948

Das erste Herbstfest nach dem Krieg wurde 1948 gefeiert. Damit wurde auch der Winzertanz mit 28 Paaren wieder ins Leben gerufen. Vor dem Tanz sangen die Teilnehmer das Lied "Drunten im Unterland". Anschließend wurde vom Anführer ein Gedicht, das von Wein und Weinbau handelte, gesprochen. Wegen steigender Zuschauerzahl und fehlender Lautsprecheranlage wurde diese Tradition jedoch aufgegeben.

1950

nahm die Winzertanzgruppe zusammen mit einer großen Turnerriege beim Landesturnfest in Aalen teil. Nach dem Umzug wurde der Tanz auf dem Sportgelände aufgeführt.

In diesem Jahr endete auch eine große Ära. Nach 25 Jahren legte der Begründer des Winzertanzes, Richard Knenlein, sein Amt in jüngere Hände. Sicher hat er damals nicht gedacht, dass sein Tanz so lange Bestand haben und zu einer Niederstettener Tradition werden würde. Ernst Weigel, Schreinermeister in Niederstetten, übernahm ab dem Jahr 1951 die Leitung.

1954

Paula Striffler, eine langjährige Winzertänzerin, wurde 1954 zur Württembergisch-Badischen Weinkönigin gewählt. Das war schon eine große Sache für die Stadt und den hiesigen Weinbau, als kleines Anbaugebiet die Weinkönigin für alle großen und bekannten Weinregionen in Württemberg und Baden zu stellen. Außerdem wurde in diesen Jahren von der Winzertanzgruppe erstmalig ein gemeinsamer Ausflug nach dem Herbstfest unternommen. Seither ist er wichtiger Bestandteil im Winzerjahr. Besonders die Abschlussabende gewannen an Bedeutung und zeichnen sich mittlerweile durch kurzweilige und erstklassige Programmbeiträge aus.

1960

In den 60er Jahren ließ das Interesse am Winzertanz stark nach, und man hatte Mühe, die Mindestzahl von sechzehn Paaren zu erreichen. Mädchen tanzten schon im Alter von vierzehn Jahren mit, damit der Tanz überhaupt stattfinden konnte. Der Grund: der Weinbau verlor immer mehr an Bedeutung, und auf das Traditionelle wurde in dieser Zeit bei der Jugend wenig Wert gelegt.

Wegen veränderter Haarmode werden einige Jahre lang noch "Pflichtzöpfe" angesteckt. Schließlich fällt aber dieser Brauch.

Die Originalnoten gingen nach Auflösung der zwischenzeitlichen Begleitkapelle Streckfuß aus Rothenburg ob der Tauber "verloren". Der Akkordeonspieler Fritz Jäck und Otto Nörr, ein ehemaliger Militärmusiker, aus Niederstetten rekonstruierten den Tonsatz nach Gehör.

1965

Nachdem 1964 der beliebte Leiter Ernst Weigel letztmalig die Gruppe führte, übernahm ab 1965 Ernst Wollinger, der Sohn des ersten roten Anführers, das Zepter.

Seither nahm die Zahl der Teilnehmer stetig zu und so fanden sich 1965 zwanzig Paare zur Anmeldung ein, die damals noch stilecht mit Anzug und Krawatte im Sitzungssaal des Rathauses stattfand. Das Mindestalter der Winzerinnen und Winzer wurde auf sechzehn Jahre hoch gesetzt.

1970

Mit der Minimode wurden auch die Trachtenröcke für einige Jahre kürzer genäht. Die Tanzgruppe als verschworene Gemeinschaft gewann immer mehr an Bedeutung.

1974

Im Jahre 1974 wurden von der Stadt Niederstetten neue Kostüme für 24 Paare angeschafft. Seit dieser Zeit ist Helga Wollinger, Frau des Leiters, für die Kostüme verantwortlich. Später kamen weitere neue Trachten dazu, die von Schneidermeisterin Isolde Menikheim aus Niederstetten und ihren Helferinnen genäht wurden.

Im Zusammenhang mit der Gründung der Vorbachtaler Musikanten Niederstetten sollte ein Original Winzertanz komponiert werden. Der in Salzburg lebende ehemalige Niederstettener Hartmut Schmitt kam dieser Bitte nach. Johann Apfelbacher, Dirigent der Vorbachtaler Musikanten, ließ dann den eher sinfonisch komponierten Winzertanzgalopp über das Heeresmusikcorps nochmals in seine heutige aufführungstaugliche Fassung anpassen.

1975

1975 war in zweifacher Hinsicht ein besonderes Jahr für den Winzertanz. Zum 50-jährigen Jubiläum fuhren während des Herbstfestumzugs in zwei festlich geschmückten Kutschen Teilnehmer aus dem Gründungsjahr von 1925 mit. Gleichzeitig wurden die Vorbachtaler Musikanten die Begleitkapelle der Winzertänzer, nachdem etliche Jahre lang von verschiedensten Kapellen unterschiedliche Stücke zum Winzertanz gespielt wurden.

Auch begann zu dieser Zeit eine weitere, bis heute bestehende Tradition. Die Winzer ziehen am Herbstfest-Sonntag nach der Winzertanzaufführung singend zu ihrem Leiter, wo sie mit Wein und belegten Broten verköstigt werden. Im Anschluss daran begleiten die Winzertänzer zusammen mit den Vorbachtaler Musikanten den Lampionumzug der Kinder durch die Stadt.

1980

Erstmalig nahmen 28 Paare am Tanz teil, vier davon in alten Kostümen. Auch entstand eine weitere Neuheit, die sich bis heute erhalten hat. Man trifft sich am Abend vor der Aufführung in einem der vielen Gewölbekeller in Niederstetten. Dort singt und feiert man gemeinsam bis spät in die Nacht.

1981

Das Interesse am Winzertanz stieg weiter an. In diesem Jahr nahmen 32 Paare teil

1982

Ein falscher Pfiff bei der Figur "Damenstern" ließ ein fast unentwirrbar erscheinendes rot-grünes Chaos entstehen. Durcheinander gemischte Paare, teilweise sogar farbübergreifend, ließen den Tanz zur Lachnummer werden. Bei den Winzertänzern dagegen gab es hinterher viele Tränen der Enttäuschung. Um eine Wiederholung dieser Peinlichkeit zu vermeiden, wird bei den Proben gezielt eine solche Situation geübt.

1984

Für ein einheitliches Bild wurden in diesem Jahr für acht Paare neue Kostüme angeschafft. Diese konnten zunächst nicht richtig zur Geltung kommen, denn wegen sintflutartiger Regenfälle während und nach dem Herbstfestumzug fiel die Aufführung des Winzertanzes am Sonntagnachmittag buchstäblich ins Wasser. Aus dieser Not heraus wurde eine neue Attraktion geboren: "Der Winzertanz bei Nacht". Dieser findet seither am Montagabend vor dem Feuerwerk statt. Besonders beeindruckend für die zahlreichen Zuschauer ist dabei der Einzug der Winzer mit Fackeln.

Im selben Jahr folgte man der Einladung von Prinz Johannes zu Hohenlohe-Jagstberg nach Roggenburg und führte den Winzertanz bei den dortigen Festlichkeiten auf.

1990

1990 war mit dem 25-jährigen Jubiläum des Leiters Ernst Wollinger ein ganz besonderes Jahr in der Geschichte des Winzertanzes. Sieben Paare aus seiner Anfangszeit wirkten bei der Jubiläumsaufführung mit. Erstmals wird die Zahl von 40 Paaren erreicht, für die acht alte Kostüme aus dem Schrank geholt werden mussten.

Im Lauf der Jahre hatten sich etliche Rituale herausgebildet. Die Rangfolge in der Gruppe nach Anzahl der Teilnahmen ist ein ungeschriebenes Gesetz. Auch entstand 1990 das Amt des Königs, das der dienstälteste Tänzer und Anführer jeder Farbe bekleidet.

Schon länger etabliert war das Fußballspiel Rot gegen Grün am Herbstfest-Montag. Noch älter ist die künstliche Rivalität zwischen den roten und grünen Winzern beim Stiefeltrinken nach den Proben. Die über die Jahre herausgebildeten Regeln beim Biertrinken aus dem Glasstiefel müssen peinlichst genau eingehalten werden.

Beim Ausflug in diesem Jahr wurde ein legendärer Huttanz von einigen männlichen Winzern dargeboten. Er kam so gut an, dass er sogar am Stadtjubiläum im Folgejahr als Höhepunkt am Samstagabend aufgeführt wurde.

1995

Aufgrund der geschlossenen Städtepartnerschaft zwischen Niederstetten und Le Plessis-Bouchard bei Paris fand ein Besuch der Winzertanzgruppe mit Aufführung des Tanzes in der Partnergemeinde statt.

1997

Nachdem sich die Teilnehmerzahl in den Jahren davor bei 40 Paaren eingependelt hatte, entschloss man sich, die neuen Kostüme zu komplettieren.

Doch die Teilnehmerzahl stieg abermals an. Im Vergleich zum Gründungsjahr verdoppelte sie sich. Zur Anmeldung erschienen 48 Paare, so dass wiederum die alten Kostüme benötigt wurden. Die jetzt erreichte Höchstanzahl lässt ein gigantisches und eindrucksvolles Bild bei jeder Aufführung entstehen.

2000

Das Ende des 20. Jahrhunderts brachte das wohl ereignisreichste Jahr in der Geschichte des Winzertanzes.

Den Auftakt bildete der zweite Besuch in Le Plessis-Bouchard. Beim ersten europäischen Bürgertreffen mit Gruppen aus ganz Europa, welche von den jeweiligen Partnergemeinden aus der Region Paris eingeladen wurden, bildete die Aufführung des Winzertanzes bei Nacht den krönenden Abschluss eines ganztägigen Spektakels.

Weiterhin gab es nach fast 50 Jahren wieder eine Besonderheit. Die Winzertänzerin Martina Nicklas war amtierende Weinkönigin der Weingärtnergenossenschaft Markelsheim, zu der auch der Niederstettener Weinbau gehört.

Der nächste Höhepunkt war die Veranstaltung anlässlich des 75-jährigen Jubiläums der Winzertanzgruppe. Nach einer großen Ausstellung mit Bildern vergangener Jahre am Nachmittag wurde am Abend die Geschichte des Winzertanzes bei einer gemütlichen Weinprobe Revue passieren lassen. Tänzerinnen und Tänzer aller Generationen ließen sich diesen Abend nicht entgehen und füllten die festlich geschmückte "Alte Turnhalle" bis auf den letzten Platz.

Am Herbstfest-Sonntag nach der Aufführung des Tanzes ging dann eine außergewöhnliche Ära zu Ende. Ernst Wollinger übertrug nach 35 Jahren die Leitung an seinen Sohn Arnd. Die große Zuschauermenge und alle Winzertänzer waren gleichermaßen gerührt, als Trillerpfeife und Leitungsstab übergeben wurden. Es ist wohl einzigartig, dass die Familie Wollinger bereits in der dritten Generation an entscheidenden Positionen die Geschicke des Winzertanzes lenkt. Dass es in 75 Jahren nur drei Leiter gab, ist sicher auch ein Indiz für die besondere Faszination am Winzertanz.

Das Jahr des Abschieds wurde am Ausflug komplettiert durch das Abtreten beider Könige. So war Arnd Wollinger vor seinem Wechsel in das Amt des Leiters bisher unerreichte zwanzig Jahre Winzertänzer. Gleichzeitig wurden Ernst und Helga Wollinger von "ihrer" Winzertanzgruppe zu Ehrenmitgliedern ernannt.

2002

Beim Landesmusikfestival, das anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Landes Baden-Württembergs in Stuttgart stattfand, nahm die Winzertanzgruppe als einzige Trachtengruppe neben zahlreichen Musikkapellen aus dem ganzen Land am Festumzug teil.

2003

Durch die Anschaffung von weiteren neuen Kostümen konnten nun erstmals alle 48 Paare in gleicher Tracht auftreten. Dieses großartige Bild zeigte sich besonders bei der zwanzigsten Aufführung des Winzertanzes bei Nacht.

Am Herbstfestumzug wirkten anlässlich des Mottos "Niederstetten tanzt" acht Paare aus verschiedenen früheren Winzergenerationen in den nun frei gewordenen alten Kostümen mit. Die mitgetragenen Tafeln unterstrichen die Verbundenheit aller Generationen mit dem Winzertanz und dessen lange Tradition.

2005

Die Idee, die schon einige Jahre existierte, wurde in diesem Jahr in die Tat umgesetzt: Eine filmische Dokumentation über die Historie und Entwicklung des Winzertanzes von 1925 an. Mit Olivier Luksch, Videoredakteur eines regionalen Fernsehsenders, übernahm ein erfahrener Winzertänzer die Erstellung des gesamten Filmprojektes.

Zahlreiche Interviews mit aktiven und ehemaligen Winzerinnen und Winzer wurden aufgezeichnet. Selbst ein Kleinflugzeug kam bei Luftaufnahmen des Winzertanzes zum Einsatz. Auch die aktuelle Winzertanzzeit von der Anmeldung bis hin zum gemeinsamen Ausflug trug zu insgesamt 15 Stunden Filmmaterial bei. Damit war neben den rund 400 Arbeitsstunden die Grundlage für die Dokumentation von 40 Minuten Länge geschaffen.

Im Rahmen einer Weinprobe, präsentiert vom langjährigen Leiter Ernst Wollinger, wurde der Film unter dem Titel "Der Winzertanz - Tradition und Lebensgefühl" der Öffentlichkeit vorgestellt. Viele ehemalige und aktive Winzertänzer ließen die "Alte Turnhalle" aus allen Nähten platzen. Schon während der Vorführung flossen Tränen der Rührung. Am Ende folgten stehende Ovationen für den Autor und das Lebensgefühl Winzertanz.

2006

Anlässlich des 10-jährigen Partnerschaftsjubiläums fand in Le Plessis-Bouchard ein mittelalterliches Festwochenende statt. Zu der großen Delegation aus Niederstetten gehörten auch 24 Paare der Winzertanzgruppe. Bei den zahlreich erschienenen Zuschauern fanden die beiden Aufführungen des Winzertanzes wiederum großen Anklang.

2009

Als erster und bisher einziger Niederstettener Bürger erhielt Ehrenmitglied Ernst Wollinger die Bürgermedaille der Stadt Niederstetten für sein vielfältiges und langjähriges ehrenamtliches Engagement. In der Laudatio wurden besonders seine Verdienste für den Winzertanz als sein Lebenswerk hervorgehoben. Ein Teil der außergewöhnlichen Ehrung wurde auch seiner Frau Helga zugesprochen, die ihn über all die Jahre unterstützt und begleitet hat. Im Rahmen eines feierlichen Festaktes in der Alten Turnhalle wurde die Medaille vor großem Publikum und vielen Weggefährten überreicht.

2010

Die ungebrochene Beliebtheit des Winzertanzes zeigte sich bei der Anmeldung, als 115 junge Menschen erschienen, was die historische Höchstzahl bedeutete. 15 von ihnen mussten trotz Ersatzpaaren aufs nächste Jahr vertröstet werden.

2011

Der Winzertanzgruppe wurde der Medienpreis Tauberfranken in der Kategorie Kunst und Kultur verliehen. Mit dem Rekordergebnis von 3.085 Stimmen wurden die Winzertänzer in der Presse als die „Abräumer“ des Wettbewerbs bezeichnet. Bei der feierlichen Verleihung im großen Kursaal Bad Mergentheim wurde der Preis an den aktuellen Leiter Arnd Wollinger und seinen Vorgänger Ernst Wollinger überreicht. Außer aktuellen Winzern nahmen auch etliche ehemalige Könige am Festakt teil.